12.10.2013 / junge Welt Wochenendbeilage / Seite 1 (Beilage)

»Wir waren schon mal ein Stück weiter.«

Gespräch mit Peter Sodann. Über seine Liebe zu Büchern, ein Rittergut als Kulturzentrum, die Ignoranz von Schriftstellern und ein angemessenes Bild von der DDR

 
Interview: Thomas Wagner

Auch ein Mann des Buches: Peter Sodann

Foto: Sabine Peters

 

 

Peter Sodann (geb. 1936 in Meißen) ist Schauspieler, gelernter Werkzeugmacher. Er war ab 1957 Jura-, ab 1959 Schauspielstudent in Leipzig. 1961 wurde das von ihm geleitete Kabarett »Rat der Spötter« aufgelöst und er wegen staatsfeindlicher Hetze zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Nach Haftentlassung Ausbildung zum Spitzendreher, 1964 erneute Immatrikulation an der Theaterhochschule Leipzig. Erstes Engagement am Berliner Ensemble, Arbeit für Film und Fernsehen der DDR. Bundesweit bekannt wurde er nach 1990 als »Tatort«-Kommissar Bruno Ehrlicher. Er leitete 25 Jahre lang das neue theater in Halle.


Sie haben damit begonnen, in der kleinen sächsischen Gemeinde Staucha in den Gebäuden eines ehemaligen Ritterguts eine Bibliothek mit in der DDR erschienenen Büchern aufzubauen. Worin besteht das Sammlungsziel?

Ich möchte, daß die Besucher hier alles finden, was jemals in der DDR erschienen ist. Damit sich die ganze Welt davon überzeugen kann, was in der DDR verlegt und gelesen wurde. Das hat etwas mit dem geistigen Klima in dem verschwundenen Land zu tun.


Aber das wissen doch schon alle. Ich nenne mal das Stichwort »Unrechtsstaat«.

Nach den gängigen Denkschablonen kenne ich keinen Staat auf dieser Welt, den man nicht als »Unrechtsstaat« bezeichnen könnte. Die Hysteriker, die im Zusammenhang mit der DDR viel darüber schreiben, nennt man Historiker. Damit kann man ganz gut sein Geld verdienen und darum geht’s doch.

Mein Ziel ist es, den Enkeln zu erklären, daß wir gar nicht so blöde waren. Wir waren schon mal ein Stück weiter, als wir es heute sind. Nur hat eben vieles nicht gepaßt. Ich möchte zeigen, was die kleine DDR nach dem Krieg ohne jegliche Unterstützung aus dem Nichts hervorgebracht hat. Von den Russen konnten wir nichts bekommen. Die hatten selber nichts. Die Westdeutschen hatten den Marshall-Plan. Wir hatten die Reparationen. Und den Westen dazu noch als Gegner. Die DDR war die bolschewistische Gefahr und wurde bekämpft mit vielen Mitteln.

 

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